Verkehrte Hipster (BEK)
Eine Montage, dem New Yorker Magazin Illustrator,
Bruce Eric Kaplan entlehnt.

Ein Freund, den ich liebe, erzählte, wie er bei einer Buchvorstellung das Publikum bat, den Arm zu heben, wer sich als Hipster bezeichnen täte und er, in Folge des eigenen vorlauten Aufrufs, als einziger den Arm hoch hielt.

Das Buch, das vorgestellt wurde heißt Hipster, Herausgeber ist Mark Greif, Suhrkamp Verlag.

Anfang 2000, bei einem Besuch meiner jüngsten Tochter, klärte sie mich über Hipster auf, denn die Musik mit der wir uns austauschten und beschäftigten, war einfach und ich bezeichnete sie fortan als Hipster Musik.

Dahinter stand die Idee der Musiker, wieder mit dem Musik zu machen, was ihnen ohne Aufwand zur Verfügung stand, vornehmlich ihre Stimme, mit der sie ohne Zunahme von Hilfsmittel einfach drauf los singen konnten. 

Die Instrumentierung war ebenso einfach, bestand nämlich aus einer Akustikgitarre, einem Banjo (Sufjan Stevens) oder was gerade zur Hand war. Was gerade zur Hand war, sollte Ausrüstung genug sein, um auf die Bühne zu klettern.

Bald gleichzeitig formierte sich Hipster Musik nicht notwendigerweise in den bekannten Musikmetropolen, aber kam aus Irland (Damien Rice), Schottland (Belle and Sebastian) oder entlegenen Teilen der USA, so wie etwa aus Sarasota, Florida, um eine Kunsthochschule herum.

Jason Adam Katzenstein ‘No Shave November’, New Yorker Magazin.
Jason Adam Katzenstein ‘No Shave November’,
New Yorker Magazin.

Nach einigen Stunden, wie wir am Main Ufer flanierten, wurde ein Hipster ausgemacht, ein Jugendlicher, der in keinster Weise durch auch nur ein Modeattribut als einer kontemporären Subkultur zugehörig auszumachen war. Jemand jedenfalls ohne visuell auszumachende Eigenschaft.

Den Hipster, das scheint mir noch wichtig, drängt sich nicht wie vormals der Hippie an den Rand der Gesellschaft, aber verweilt in deren Mitte. Der Hipster sieht sich nicht ausserhalb der Gesellschaft, aber als integraler Bestandteil ebenderer Mitte. Wenn nötig assimiliert er aus freien Stücken.

Auch wurde keine Energie dahingehend vertan, sich gegen etwas zu verwehren, alle Energie galt fortan dem eigenen Schaffen. Die Eltern wurden nicht belangt, sondern vollends akzeptiert, geliebt, wenn auch mit einem Unterschied: ihre Fehler will der Hipster nicht wiederholen. Das auch hat die Hipster Bewegung der vorangegangenen Hippie Bewegung voraus, es war keine Revolution, aber eine Evolution, der Hippie Bewegung auch zahlenmässig weit überlegen.

Das also war und ist, im ursprünglichen Verständnis, ein Hipster.

Wie dann wurde aus dem Hipster ein verkehrter Hipster?

Einer Diarrhoe verschiedenen Ursprungs ist zu danken, wie es der Freund noch Anfang 1980 salop wage zum besten gegeben hätte. Mittlerweile aber wurde ein präzises Feinbild ausgemacht und nachdem wir vorwiegend in den Medien leben, ist auch diese Verkehrung den Medien geschuldet.

Der arme Journalist und seine Redaktion, in ständiger Bedrängnis Leser zu gewinnen haben, wie eigentlich immer, versäumt den Leser von Beginn der Geschichte an mitzunehmen. Es ist nicht wie bei einem Todschlag, Mord, Naturkatastrophe oder schlimmen Unfall, zu dessen Drama und Tragödien die Medien umittelbar berichten und sich einer grossen Leserschaft sicher sein können.

Zu sozialen Entwicklungen kann frühestens von deren Ausgang Bericht erstattet werden. Wenn über solche Tendenzen allgegenwärtig und unübersehbar, auch als Mode deklariert, in bunten Bildern berichtet werden kann. Keine Breaking News hier.

Hipster geben sich, von Gleichmut und Optimismus abgesehen, nicht zu erkennen. Ein Drama scheint er nicht zu kennen, der Hipster und den Hipster, den sie über die Medien zu kennen glauben, ist ein verkehrter Hipster. Nämlich ein Yuppie mit einem Unterschied, er ist weder jung noch weiterhin erfolgreich.

In Münchens beliebter, wunderschöner Maillinger Straße, wird nicht nur Gentrifizierung offenkundig. Ein beliebter Treff verkehrter Hipster ist der stark frequentierte, gerade so verkehrte, Burger Grill. Inmitten eines jeden Burgers steckt, einem Amerikaner unerklärlich, ein Holzstab. Vorsicht damit, das geht schnell ins Auge.

Einen Döner gibt es auch in der Maillinger Strasse, wohl da hier ein nicht verkehrter, richtiger Döner billig zu haben ist, erhält er weniger Zulauf als der neue, hipsterisierte Döner in der Türkenstraße mit seinem suboptimalen Döner Kebab. Der Vorbesitzer ist zurück in die Türkei, er hatte den Dönerspieß noch eigenhändig mit Fleischfladen belegt und der war herausragend.