Der Ewige Spiesser

Nein, Sascha Lobo ist nicht der Verfasser des Romans, ‚Der ewige Spiesser‛. Ödön von Horváth ist der Verfasser. Aber das wussten Sie bereits. Sascha Lobo hat sich auf Lesemaschine mit dem Roman beschäftigt. Mir hat es gefallen und gefällt es noch wie er seiner Beschäftigung nachgeht.

 

Einen besseren Vornamen als Ödön von Horváth kann man schon mal gar nicht haben. Dabei ist es sehr leicht, schlechte Namen zu haben, exotische Gemüse etwa heissen oft hässlich. Topinambur hört sich noch nicht einmal ausgedacht an, Portulak mutet wie ein verunglücktes Portugal an und Tapioca wie der uneheliche Bruder von Noriega. Ödön aber ist die ungarische Version von Edmund, was wiederum Schützer des Besitzes heissen soll, was jedoch so wenig mit irgendwas anderem zu tun hat, dass ich diese Faktensackgasse verlassen möchte und direkt zum Buch „Der ewige Spiesser“ komme.

—Sascha Lobo, Lesemaschine

 

Sascha Lobo

Sascha Lobo
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Passt schon

Ich bin leichtköpfig und habe keine Vorwürfe zu machen. Sascha Lobo kommt mir gerade recht, da er mit seinem roten Kamm herhalten muss, als Vorzeige Blogger der Deutschen Blogosphäre, der neuen Digitale also und er redlich bemüht ist, sich als wert zu erweisen, indem er es schafft die Öffentlichkeit zu nähren mit Kunstbegriffen wie den der ‚Generation Upload‚. Lobo macht seine Sache gut. Selbst ein so blöder Bergriff wie ‚Generation Upload‚ drückt das aus, was die Leute tatsächlich tun. Nämlich ihre Erinnerung in die Netze hochladen.

Mich ärgern unnötige englische Schlagwörter in dieser so reichen Deutschen Sprache. Wenn auch ich die Erfahrung gemacht habe, daß solche Schlagwörter bei dem Versuch, sie in deutscher Sprache zu artikulieren auf kopfschüttelndes Unverständnis stossen. Zwecklos ist auch, wie ein Penäler auf so einem Begriff herumzureiten, jedoch immerhin.

 

  • Warum heisst ‚being digital‘ in Deutschland ‚total digital‘?
  • Warum heisst es ‚Log In‘ und nicht für jeden verständlich ‚anmelden‘?
  • Warum ‚download‘ und nicht ’sichern‘?
  • Warum ‚lovemarks‘ und nicht ‚Lieblingsmarke‘?

 

Ganz richtig, es ist die Sprache, speziell auch die meiner Werbebranche, aber auch die, der offiziellen Medienmacher. Eine Mischung aus Floskeln, gewohnten Banalitäten, Allgemeinplätzen, verräterisch betulichem Geschwätz oder aus Phrasen und blasierten Feststellungen.

Blasiert, pretenziös, blenden war gestern, heute gilt das Interesse, Ideen mit unmittelbarem Nutzen und entsprechender Ermöglichung und Anleitung zu Soforthandlung.

 

Nur wer sich wandelt,
bleibt mit mir verwandt¹

Geschäftsführer, Etatdirektoren, Berater, Info-Architekten, selbst Texter und Grafiker waren als digitale Besucher der Annahme am Wandel teilzunehmen, doch weit gefehlt! Der Wandel, die scharfe Wende im Verhalten der Probanten und nämlich die der Konsumenten hin zu einem immer reiferen, sophistizierten Wesen, das wir in allen Schichten und Altersstufen vorfinden, wird als digitaler Bewohner vollzogen noch bevor Bewohner der Werbeagenturen den Wandel an sich selbst erleben. Gerade mal digitale Besucher, bleiben meine Werbefreunde Zaungäste der Entwicklung der Kommunikation. Wie mit der integrierten Vodafone: Generation Upload-Kampagne von Scholz & friends im Vorjahr umfassend dokumentiert, ist es mit Integriertem wie mit dem Fleischwolf, durch den eine Idee verwurstet und in Naturdarm verpackt wird. Ohne Ecken und Kanten, ohne klare Richtung oder Aussage, ohne eigenen Geschmack und mit nichts zu tun, bleibt so ein Brei zurück, der den Spießer befriedigt und ihm das beruhigende Gefühl vermittelt, sich engagiert zu haben und am gesellschaftlichen Prozess teilzunehmen.

¹Iris Thalhammer aus Wien in einer Rezension vom 19. Mai 2001 auf Amazon.de
²Leonidas in einer Rezension vom 29. Dezember 2008 auf Amazon.de

 


 

 


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