Alles gestaltet sich neu

 

 

Selbst

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Thomas Meinecke
Suhrkamp

Illustration: Christoph Niemann

 

 

Selbst
„Es gab Tage, da sie Pierre kraftlos, passiv, unsicher und mit trägem Körper vorfand, Tage, an denen er nicht einmal genug Energie aufbrachte, um sich anzuziehen, geschweige denn aus dem Haus zu gehen. Dann fühlte sich Elena stark und aktiv. Im Halbschlaf überkam sie ein merkwürdiges Gefühl: schlafend erschien ihr Pierre so verletzlich. Sie wollte in ihn eindringen wie ein Mann, sie wollte ihn besitzen. Sie wollte ihn wie mit einem Dolchstoß aufspießen. So lag sie da, zwischen Schlafen und Wachen. Sie identifizierte sich mit seinem Geschlecht, stellte sich vor, sie wäre er geworden und nähme ihn wie er sie genommen hatte. Dann fiel sie wieder in die Kissen zurück, wurde wieder sie selbst: Meer, Sand und Feuchtigkeit.”

Auszug aus dem bei Suhrkamp erschienene Roman.

 

Der heterogene Leser lernt schnell, das Sex erst noch komplizierter werden wird und sehnt sich sogleich an die stillen Tage von Bauer sucht Frau zurück.

 

Ich habe mich dem Roman wohlwollend genähert, nachdem er bereits Wirkung zeigte und ein Freund, sich offensichtlich Thomas Meinecke sexuell überlegen befindend, zum Ausdruck brachte, er sei der geeignetere um solch Buch zu verfassen.

 

Tatsächlich hat Thomas sich mit ‘feministischer Verfasser’, als category of one, brillant neu positioniert. Er ist somit der erste und einzige feministische Autor und versteht das wie bisher famos unter das Feuilleton zu mischen. Mit einem Unterschied, Thomas Meinecke wird in die Mitte der Lesergesellschaft vordringen. Er wird über Campus und Feuilleton hinaus, im Licht der Öffentlichkeit stehen, wenn auch nur kurz.

 

Ich habe mich ohne an einzelnen Sätzen hängen zu bleiben, rasch eingelesen ohne bereits verifizieren zu können, warum es sich gut liest und eine angenehme Schwunghaftigkeit aufkommt. Ein Absatz war eine Auflistung, wenn auch nicht als Stichpunkte, aber vielleicht kommt das ja noch.

 

Zwar fliegen dem Leser Namen um die Ohren, deren Geschichten er nicht kennt und womöglich nicht kennen lernen wird, aber es fügt sich unbemerkt der zur Gewohnheit gewordenen allgemeinen Fragmentierung.

 

Das auch in einem Gemenge an weiteren weit hergeholten Namen, was sicherlich einer jungen nach Unbekanntem durstenden Leserschaft entgegen kommt und sich als interessant erweisen mag. Praktisch daran zeigt sich eine ähnliche Wirkung, wie beim Bildnis eines Autors, der sich nachdenklich vor einem vollbepackten Bücherregal ablichten lässt, oder der weisse Kittel eines Fernseharztes.

 

 

the gentlewoman autumn winter 2010

the gentlewoman autumn winter 2010
Foto Inez van Lamsweerde & Vinoodh Matadin

 

Danke für saubere Absätze, eliminiertes Ausrufezeichen. Die Struktur erschliesst sich dem Leser. Sie wird hungernd nach den wundervollen Zärtlichkeiten, die immer mal nach einem Schub an sicherlich anstrengenden Fragmenten vom mitgenommenen Leser, dankbar gerührt angenommen. Genial und anders nicht denkbar.

 

Als ich nach München zurückkam und die Freunde um Unterstützung zu bitten begann, erhielt ich eine Absage auch von meinem grossen Freund Meinecke, den ich um ein Email Interview gebeten hatte. „Das wäre gerade so als würden sich Liebende zum Gruss die Hand reichen‟ kam es zurück.

 

Ein Vorbote von geliebter, zärtlicher Poesie im neuen Roman.

 

Grosse Sexualität.Romanauszuglesen


 

Das Begehren zieht die Bahnen.

Eine WG in Frankfurt am Main: Eva (Mode-Redakteurin, Kunsthistorikerin, »Prinzessin«), Genoveva (autodidaktische Sexualwissenschaftlerin, Forschungsschwerpunkte: Autogynophilie und Selfie Culture) und Venus (androgynes Model, Kulturwissenschaftlerin, Forschungsschwerpunkt: die Kolonien deutscher Vormärz-Auswanderer in Texas, insbesondere die Geschichte der nach Bettina von Arnim benannten libertären Kommune am Llano River). Sie schießen Modestrecken in der Baustelle der EZB, werden Zeuge der polizeilichen Erstürmung des Instituts für Vergleichende Irrelevanz, gehen tanzen im »Robert Johnson« und suchen nach Zärtlichkeit jenseits einer von Freud, Foucault oder Butler als Gefängnis geschilderten Sexualität. Sie sind die Hauptfiguren in einem mal platonischen, mal erotischen Postgender-Liebesreigen, inszeniert von Thomas Meinecke, feministischer Autor, Anhänger weiblichen Schreibens und Schriftsteller-Darsteller im eigenen Roman.

 

 

Selbst

 

 

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