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Die ineffektivste der drei großen Revolutionen der Arbeitswelt

19. Oktober 2016

 

 

Robert J. Gordon, 75

Der Ökonom Robert J. Gordon1, 75
Foto: Roderick Aichinger

 

 

Die Digitalisierung hat viele Innovationen hervorgebracht. Doch verglichen mit anderen Umbrüchen bleiben sie überschaubar, sagt der Ökonom Robert J. Gordon.

 

 

brand eins LogotypeInterview mit Robert J. Gordonvon Ingo Malcher lesen

 

Auszug aus dem Interview

 

Arbeitswelt
Im vergangenen Jahrhundert hat sich der Lebensstandard von Generation zu Generation verdoppelt. Das ist bei unserem gegenwärtigen Innovationstempo nicht mehr zu schaffen. Wir müssten aber stärker wachsen, um den demografischen Wandel, die wachsende Ungleichheit und die hohe Staatsverschuldung auszugleichen.

 

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Die digitale Revolution umfasst alles, was mit Computern zu tun hat. Vor allem in den Achtziger- und Neunzigerjahren war sie für starke Wachstumseffekte verantwortlich. Während dieser beiden Jahrzehnte führten wir Textverarbeitungsprogramme ein, in den Büros wurden die Schreibmaschinen durch Computer ersetzt, Arbeiten wurden erleichtert und beschleunigt. Der größte Teil dieser Entwicklung war 1995 abgeschlossen, also bevor das World Wide Web groß wurde.

 

 

 


Die grossen Neuerungen der nächsten 25 Jahre

 

Das World Wide Web kommt einer evolutionären Innovation (einer kontinuierlichen oder dynamischen evolutionären Neuerung) gleich, die durch viele inkrementelle Fortschritte in der Technologie oder den Prozessen herbeigeführt wird.

Gerade geschieht inmitten aller erfreulichen Rekordmeldungen aus Deutschland, dass der zoziale Wandel mit den Neuerungen nicht Schritt halten kann. Die in aller Welt als deutsch bezeichnete Ingenieurskunst wird die kommende Jahre eine Wiedergeburt im Digitalen erfahren.

Ein sozialer Wandel vollzieht sich auch, indem das World Wide Web den Wissenstransfer von einem Botschafter zu vielen Empfängern ermöglicht, gerade so wie ein Lehrer in der Schule nicht einen, aber viele Schüler unterrichtet.

Indem einer wachsenden Zahl an Nutzern Wissen vermittelt, oder Werkzeug in die Hände gelegt wird, um eigene Ideen voranzubringen und umzusetzen, erstarkt Wachstum, ob ausreichend um den demografischen Wandel, die wachsende Ungleichheit und die hohe Staatsverschuldung auszugleichen werden die nächsten 25 Jahre zeigen.

 

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Das Nachrichtenwesen, bei dem die Empfänger sich um 20 Uhr vor dem Fernseher einfanden um die Nachrichten zu sehen, Millionen Bürger allmorgendlich die Zeitung aufschlugen und es einer dem anderen sagte, wurde nicht ersetzt aber ergänzt und um ein vielfaches beschleunigt, etwa von einem Mikrobloggingdienst des Unternehmens Twitter Inc. zur Verbreitung von telegrammartigen Kurznachrichten.

In den altvertrautem Journalismus mischt sich ein Bürgerjournalismus ein und unter. Sachverhalte werden von Individuen auf Blogs protokolliert und zunehmend von Sozialnetzen den Empfängern als Stream zugestellt.

Die Lösung gewinnt an Popularität, die in seiner Handhabung mehr Bequemlichkeit verspricht, einem gewissermassen mühelos entgegen fliegt.

 

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Rund um die Uhr Verfügbarkeit und die Überwindung geographischer Eingrenzung der Reichweite und Wirksamkeit, begünstigen nicht nur Hast, Geschäftig- und Ruhelosigkeit im Verhalten der Nutzer, aber auch gegenteiliges:

Ruhe und Konzentration.

Eigentlich kann jeder sich seiner Façon entsprechend, im World Wide Web die Zeit nehmen die er braucht, um eigene Interessen zu verfolgen und Ideen umzusetzen.

 

 

 


Das langsame Netz

 

Das Bildungssystem trennt wie es heißt die Spreu vom Weizen. Das World Wide Web kommt in bislang beispiellosem Maße dem abfällig als Spreu bezeichneten Teil der Bevölkerung entgegen und bietet zusätzlich zu einem zweiten Bildungsweg einen weiteren freiwilligen Bildungsweg, gemäß eigener individueller Interessen und Ideen zum Lebensunterhalt.

Einige der erfolgreichsten Start-Ups des ersten Viertel Jahrhunderts in dem es das World Wide Web gibt, setzten sich ohne Werbung durch. Plötzlich hat es den Anschein als gälte das Mantra der Werbebranche „Wer nicht wirbt stirbt”, nurmehr für Unternehmen mit einem Produkt das keiner braucht oder will.

Familienbetrieben und kleinen Unternehmen können heute ihr Produkt oder ihre Dienste auf den Markt zu bringen, ohne Investition in Werbeagenturen, die zu beauftragen ohnehin kein Geld vorhanden ist.

Dabei ist die Wiederentdeckung eines Starts oder Neustarts ohne grosse Ausgaben und ohne notgedrungen Geld beleihen zu müssen erfrischend.

Für einige Zeit sah es so aus als zerstörten disruptive Ideen die herkömmlichen Platzhalter, vielmehr sind es, wie Gordon uns aufklärt, Ergänzungen. Am Branchenbeispiel Journalismus zeigt sich eine gewinnbringende Ergänzung.

 

Papierflieger

 

Weiteres Unterlassen einer Aktualisierung unserer Betriebssysteme gefährdet den Fortbestand der Mittelschicht, somit der Wirtschaftskraft. Was bleibt dem einen Prozent an Weizen inmitten einer Monokultur von 99 Prozent Spreu?

Wenn alles zu spät ist, entwickelt Deutschland die Kraft für ein digitales Deutschland mit Mittelpunkt Europa.

Sie werden sehen.

Die Milchmädchenrechnung wird aufgehen.

 


Arbeitswelt

 

 

Show 1 footnote

  1. Robert J. Gordon, 75, stammt aus einer Familie von Ökonomen. Sein Vater Robert Aaron und seine Mutter Margaret waren Wirtschaftswissenschaftler, auch sein Bruder David ist Ökonom. Robert Gordon studierte in Harvard und Oxford das gleiche Fach und promovierte am Massachusetts Institute of Technology. Er lehrt an der Northwestern University und beschäftigt sich vor allem mit den Themen Produktivität, Wachstum und Arbeitslosigkeit. Zuletzt erschien sein Buch „The Rise and Fall of American Growth“ (2016), in dem er die Innovationen der digitalen Revolution und deren Wachstumseffekte untersucht.
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