unbekannter Künstler

Unbekannter Künstler. Quelle.

 

Aus einem Schreiben vom Jan. 1807. von Herrn Ob. Medicinal-Rath Blumenbach mitgetheilt

Ein Preussischer Officier vom Regimente Lettow, Hr. v. W. marschirte mit seinem Regimente von Paderborn nach Quakenbrück im Osnabrückischen. Hier hat er kaum sein Quartier bezogen, als eine Taube, ein Männchen von Columba gutturosa, sich vor das Fenster setzt, und mit dem Schnabel, auf sein Jagen nicht achtend, so lange dagegen pickt, bis W. es ihr öffnet. Ohne Scheu fliegt sie sogleich herein, und kurrt in der Stube umher, als ob sie von jeher darin gewesen wäre. W. fragt den Wirth deßwegen, aber dieser kennt sie nicht. Dann holt und giebt er ihr Futter, und in kurzer Zeit gewöhnt sie sich so an ihn, daß sie nicht nur nicht von seiner Seite weicht, sondern auch niemand Fremdes in seinem Zimmer dulden will. Jedem Fremden flog sie entgegen, kurrte gegen ihn, schlug ihn mit ihren Flügeln und biß ihn. Nach einiger Zeit verfügte sich W. mit seinem Regimente nach Münster, und das Täubchen verließ ihn auch hier nicht. Auf dem Marsche setzte sie sich entweder auf W.’s Schulter, oder auf sein Pferd. Es scheint also nicht bloß Gewöhnung an den Aufenthalt im Zimmer, sondern wirkliche Anhänglichkeit an die Person gewesen zu seyn, welche das Thierchen äußerte. Es hatte sich an das Pferd, und das Pferd an das Täubchen bald so gewöhnt, daß dieses nicht beim Stampfen jenes, und jenes nicht beim Auffliegen und Niederflattern dieses scheu wurde. So bald W. auf der Parade oder bei andern Gelegenheiten absteigen mußte, blieb die Taube bei dem Pferde und kam nur selten ungerufen auf seine Schulter; aber auf das geringste Locken flog sie ihm sogleich entgegen. Unter hundert Pferden unterschied sie das seinige, und unter vielen Officieren gleicher Uniform erkannte sie ihn jedesmal unfehlbar. Im Quartier in Münster ließ sie W. frei umhergehen, und immer fand sie seine [48] Stube genau wieder. Selbst gegen Hunde und andre Thiere setzte sie sich hier zur Wehr. Ritt W. aus, so saß sie neben ihm; war er ausgewesen ohne sie mitzunehmen, und sie hörte nur seine Tritte oder seine Stimme, so fing sie an zu rufen, wie ein Tauber seine Taube zum Neste zu rufen pflegt; trat er dann in sein Zimmer, so kam sie ihm mit hochaufgeblasenem Kropfe entgegengeflogen, setzte sich neben ihm nieder und kurrte mit aller Heftigkeit, den Schwanz über die Erde streichend, um ihn herum; endlich lief sie dann in eine Ecke und rief von neuem; gerade also wie es ein Tauber bei seiner Taube macht.
Am 12ten Oct. marschierte darauf das Regiment aus Münster, die Taube machte den Marsch zu Pferde mit, und ließ sich weder durch die Menge der Menschen, die sie umgaben, und ihre blitzenden Gewehre, noch durch den Lärmen des Kommandos und der Truppen schrecken. Aus Furcht, daß sie im Kriegsgetümmel verloren gehen, verhungern oder erschossen werden möchte, wollte W. sie einst in der Nähe einer Stadt von sich jagen; allein sie wich nicht. Nachdem das Regiment sich vor Hameln gelagert hatte, wohnte das treue Thier mit seinem Herrn in Einem Zelte. Eines Abends war sie fort, W. legte sich zu Bette und gab seine unzertrennliche Begleiterin schon auf, als sie sich auf einmal unter der einen Wand des Zeltes herdrängte, und zu ihm auf das Bett geflogen kam. Einige Battaillons des Corps, bei welchem W. war, standen im Feuer; er erzählte daß selbst beim Donner des Kanonen- und kleinen Gewehrfeuers die Treue nicht davon geflogen, sondern sich bloß an das Pferd oder auf die Erde gedrückt und den, den Tauben gewöhnlichen Warnungston: „hu“, ausgestoßen habe. Meiner Meinung nach übertrifft dieß Alles, was man von einer Taubenpost in der Levante und Gottfrieds von Bouillon sagen kann. –

 

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