Poetikvorlesung von Thomas Meinecke an der Frankfurter Goethe Universität.
Foto mit freundl. Genehmigung von Ralf Barthelmes.

 

 

Auszug aus Arte Sendung: Wiederholung Samstag, 21. Januar 2012, 06:05.

 

 

Ich trage eine Jeans, eine Armani Jacke und ein T-Shirt für 140 Dollar. Vom Schriftsteller und Literaturkritiker Frédéric Beigbeder ist in Frankreich gerade „Premier bilan après l’apocalypse‟ erschienen. Dieses Buch ist eine kommentierte Liste seiner 100 Lieblingsromane aus dem 20. Jahrhundert.

 

 


Thomas Meinecke

 

 

1/5 Lass über Dich reden

Bret Easton Ellis wäre nicht die Nummer 1 meines Rankings wenn er nicht meiner Vorstellung entsprechen würde. Er hat das typisch arrogante, kalifornische Ohrfeigengesicht, ist drogensüchtig, versnobt und ging eine Zeit lang gerne in Szene Restaurants. Das hat mich fasziniert als ich 20 war und so blieb mir „Less Than Zero‟ in Erinnerung.

 

 

2/5 Pass auf was Du sagst

Sprache und Vocabular ein wenig vergewaltigen, umgangssprachlich schreiben, teilweise mit Anglizismen. Über Modemarken schreiben usw. Versuchen den Roman in der zeitgenössischen Sprache anzusiedeln, mit dem heutigen Vokabular. Philipe Djian hat zum Beispiel viel über Kühlschränke geschrieben oder Paare die mit Tellern schmeissen, die im Garten Bier trinken. Virginie Despentes schreibt nicht so wie man Bücher normalerweise schreibt, sondern so wie ihr der Schnabel gewachsen ist. Das erfordert einen mündlichen Schreibstil der nicht funktioniert wenn man ihn nicht beherrscht.

 

 

3/5 Steh‘ dazu

Snobismus ist sicherlich ein wichtiger Aspekt von Kunst und Literatur, wer etwas anderes behaupted lügt. Stendhal schrieb für die Happy Few. Und die gibt es noch heute. Man sagt dazu Elite, aber das ist so ein scheussliches, abstossendes Wort. Trotzdem macht es Spass einen Autor zu entdecken den noch keiner kennt. Ausserdem sind es die Snobs die etwas bewegen, weil sie zu den Anderen sagen, ihr Hinterwälder lest alle „Freedom‟ von Franzen aber das tut ihr nur weil ihr Michael Collins nicht kennt. So unangenehm so ein Spass ist, es bringt die Geschichte voran.

 

 

4/5 Kürz‘ ab

Manchen Autoren muss ich auch einfach dafür danken, dass sie sich kurz fassen. Françoise Sagan hat nie länger als 200 Seiten geschrieben. Es ist ein tolles Gefühl, wenn man weiss das man für ein Buch maximal 2 Stunden braucht. Auf der Strecke Paris/Lyon kann man problemlos „Mon amie Nane‟ von Paul-Jean Toulet, „den grossen Gatsby‟ oder „Der Fänger im Roggen‟ lesen. Es ist wunderbar und sehr elegant von einem Autor, wenn er sagt, ich koste Dich keine 14 Tage wie Tolstoi, aber ich bringe Dich zum Lachen. Du wirst aus dem Zugfenster in die vorbeifliegende Landschaft schauen und dabei sehr viel stärker in Gedanken vertieft sein, als wenn Du 800 Seiten lang schwitzt.

 

 

5/5 Geh doch zum Psychiater

Viele Autoren die in Talkshows auftreten arbeiten mit dem Schreiben einen Todesfall oder eine Krankheit auf und erzählen uns durch das Schreiben ginge es ihnen nun besser. Ich finde nicht, dass Literatur dazu da ist Autoren zu heilen. Tut mir leid, da mache ich nicht mit. Das schockiert und ekelt mich sogar. Literatur ist doch kein Krankenhaus. Jean d’Ormesson meinte einmal, ich schreibe um der Damenwelt zu gefallen. Auch das finde ich sehr elegant, sich so herauszureden um keine ernsthafte Antwort zu geben…